Es ist nicht das erste Hörbuch von Richard Morgan welches ich mir zu Gemüte führe. Und auch sicher nicht das Letzte. Aber: Es braucht Kondition. Aber fangen wir doch einfach mal mit dem Inhalt an.
Im 22. Jahrhundert hat sich die Welt mittlerweile grundlegend geändert: Großkonzerne und kriminelle Organisationen haben die Macht übernommen, die großen Religionen drohen ein Inferno zu schüren welches in einem weiteren Weltkrieg münden könnte. In dieser schönen neuen Welt steht nun Carl Marsalis, ein sogennanter “Dreizehner” vor der Aufgabe, Abtrünnige seiner Art aufzuspüren und entweder Dingfest zu machen oder zu Liquidieren. Die “Variante Dreizehn” ist ein genetisch manipulierter Mensch, ohne Skrupel aber dafür um so schlagkräftiger. Ursprünglich gedacht um den Konflikt im Zaun zu halten nun als beängstigendes “Monster”, einer Registrierungspflicht unterworfen. Und wer selbiger nicht nachkommt soll eben von Kopfgeldjägern wie dem dunkelhäutigen “Dreizehner” Marsalis eingefangen werden. Jagd auf die eigene Art also. Währenddessen hat die Ex-Polizistin Sevgi Ertekin ein ganz anderes Problem: Ein Raumschiff ist von seiner Rückkehr vom Mars nicht wie geplant im Erdorbit angedockt sondern in den Ozean gestürzt. Daraus ergeben sich mehrere Probleme: Warum ist das Schiff abgestürzt? Warum sind alle Insassen auf grausame Art verstümmelt worden? Und warum fehlt ausgerechnet ein Passagier, der noch obendrein ein “Dreizehner” zu sein scheint? All’ dies kümmert Scott Osborner hingegen wenig: Er ist aus “Jesusland” geflohnen, einem Kleinstaat welcher sich ultrakonservativer Religiösität verschrieben hat. Nun arbeitet er illegal auf einer Biotech Farm und stellt fest, dass sein religiöser Kompass nicht mehr zu funktionieren scheint: Er flucht derbe und Frauen üben eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Aber als sei dies alles nicht noch genug erscheint plötzlich ein Fremder auf der Plattform und richtet ein Blutbad an…
Wie vermutlich schon ersichtlich gibt es eine Menge Handlungsfäden die zwar als loose Enden beginnen aber im Laufe der Geschichte immer stärker miteinander verwoben werden. Richard Morgan hat mit “Skorpion” eine Welt geschaffen die sehr komplex, detail- und facettenreich ist. Was auf der einen Seite eine Stärke ist, ist auf der anderen Seite eine Schwäche: Der Leser/Hörer braucht eine Menge Konzentrationsfähigkeit um die ganzen Charaktere und Orte voneinander zu trennen und in der richtigen Reihenfolge zu halten. Es findet ein Dauerfeuer an Fakten und Informationen statt, Nebenhandlungen und Ausschweifungen werden genutzt um hier oder dort noch ein wenig mehr Details zu schaffen. Der klare Vorteil: Man kriegt eine ungemein plastische Welt präsentiert. Auf der anderen Seite gewinnt die Geschichte damit an Länge aber nicht unbedingt an Spannung. Wer trotzdem die Energie aufbringt wird mit einer durchaus spannenden Geschichte im Stil von Richard Morgan belohnt: Wo andere Autoren beschämt ausblenden hält Morgan weiter ‘drauf und gibt der Geschichte somit seine persönliche Note ohne ins Voyeueristische abzugleiten. Allerdings sei auch klar gesagt: Carl Marsalis ist nicht Takeshi Kovacs und reicht leider auch nicht an diesen heran. Während Kovacs durchaus eine eigene Persönlichkeit entwickelt beschränkt sich Marsalis darauf dem Zwang seiner Gene zu folgen.
Nichts desto trotz kann das Hörbuch “Skorpion” durch seine in Summe sehr intelligente Rahmenhandlung bestechen. Darüber hinaus scheint Simon Jäger eine Art Faible für die Geschichten von Morgan entwickelt zu haben: Seine Interpretation des Textes macht das Hörbuch zu einem echten Hörerlebnis, die Geschichte wird von der aktiven Betonung, nachdenlichen Pause, kritischen Untertönen regelrecht zum Ziel getrieben. Und soviel sei Verraten: Das Finale hat es auf jeden Fall in sich und das Ende ist sicher nicht das, was man erwartet hat. Also, nur keine Angst vor dem schwarzen Mann und eine Menge Kondition!

